

Die Insel Shikoku
Shikoku ist die kleinste der vier Hauptinseln Japans. Gebirgig, dünn besiedelt, mit langer Küstenlinie und dichten Wäldern im Landesinneren. Für den japanischen Pilger-Buddhismus ist sie der zentrale Ort: hier führt der Henro-Weg, die 88-Tempel-Pilgerfahrt.
Der Weg wurde traditionell mit Kukai (Kōbō Daishi), dem Begründer der Shingon-Schule, in Verbindung gebracht. Die 88 Tempel sollen Stationen seiner Wanderung oder seiner Praxis gewesen sein. Die Pilgerfahrt, die Tempel in einer festgelegten Reihenfolge abzugehen, besteht seit über tausend Jahren kontinuierlich.
Zu Fuß gegen den Körper
Der Pilgerweg kann auf verschiedene Arten absolviert werden – mit Bus, mit Auto, mit Fahrrad. Die traditionelle Form ist zu Fuß, und das aus gutem Grund: Die transformative Kraft des Weges entfaltet sich nur, wenn der Körper durchläuft, was der Geist verarbeitet.
Sechs bis acht Wochen am Stück gehen. 20 bis 30 Kilometer pro Tag. Bei jedem Wetter. Durch Berge. An der Küste entlang. Durch Städte. Der Körper rebelliert in der ersten Woche. Dann beginnt er sich einzulassen. Ab Woche drei ist man ein anderer Mensch. Nicht metaphorisch – buchstäblich.
Das Ritual an jedem Tempel
An jedem der 88 Tempel vollzieht der Pilger ein spezifisches Ritual. Es umfasst: das Niederschreiben des eigenen Namens auf einem Zettel (Osame-fuda), die Rezitation bestimmter Mantras – einschließlich der Kuji-Silben in manchen Linien –, das Opfern von Weihrauch und einer kleinen Münze, das Stempeln des Pilger-Hefts.
Das klingt zeremoniell. Es ist es auch. Aber nach 88 Wiederholungen ist das Ritual nicht mehr eine Form. Es ist zum eigenen Atem geworden. Der Pilger rezitiert die Mantras auch unterwegs, zwischen den Tempeln. Sie werden Teil seiner Bewegung, seiner Schritte, seines Denkens.
Shikoku als Krieger-Praxis
Warum gehört der Shikoku-Weg in einen Kampfkunst-Kontext? Weil er denselben Mechanismus nutzt, auf dem die spirituelle Kampfkunst aufbaut: Dauer als Transformator. Drei Wochenenden intensiver Praxis verändern wenig. Drei Jahre tägliche Praxis verändern alles. Sechs Wochen Shikoku verändern ähnlich viel wie drei Jahre Praxis – weil sie die gesamte Aufmerksamkeit, den gesamten Körper, den gesamten Geist für diesen Zeitraum einbinden.
Viele japanische Krieger-Meister der Geschichte haben den Pilgerweg absolviert. Nicht aus frommer Pflicht. Aus praktischem Wissen: Der Weg macht aus dem Übenden einen anderen Menschen.
Mark Hosaks Erfahrung
Mark Hosak hat den Shikoku-Pilgerweg zu Fuß absolviert. Er spricht selten im Detail über diese Erfahrung, weil sie schwer vermittelbar ist. Aber er verweist regelmäßig auf die Transformation, die dort geschehen ist – und auf die Tatsache, dass vieles in seiner heutigen Praxis ohne diese Erfahrung nicht denkbar wäre.
Wer mit Mark zu einer Japan-Reise aufbricht, die Shikoku-Stationen berührt, bekommt nicht den gesamten Pilgerweg – dafür braucht es sechs Wochen. Aber er bekommt ausgewählte Schlüssel-Tempel, an denen unter Anleitung geübt wird. Das ist eine andere Form der Praxis, aber mit einer eigenen Tiefe.