

Zwei Wege zum Ninjutsu
Wer heute im Westen „Ninjutsu" sucht, stößt fast zwangsläufig auf den Bujinkan. Die Organisation von Großmeister Hatsumi Masaaki hat mehr getan als jede andere, um Ninjutsu weltweit sichtbar zu machen. Ohne Hatsumi gäbe es die heutige westliche Ninjutsu-Rezeption nicht.
Die Taguchi-Linie ist ein anderer Weg. Das ist keine Konkurrenz — es sind zwei lebendige Linien derselben Wurzel. Dieser Artikel beschreibt, was beide eint, was sie unterscheidet, und warum mein Weg von Bujinkan zu Taguchi Sensei geführt hat.

Die historische Ninja-Tradition
Die Ninja-Tradition als solche ist historisch gut dokumentiert. Hattori Hanzō, Momochi Sandayū, die drei großen Jōnin von Iga — ihre Existenz ist verbrieft. Die Manuskripte Bansenshūkai (1676), Shōninki (1681) und Ninpiden sind erhalten. Die Dörfer von Iga und Kōga stehen. Die Rolle der Yamabushi, des Shugendō, der Iga-Familien in Tokugawas Dienst — all das ist historische Tatsache.
Über diese Grundlage besteht zwischen allen seriösen Ninjutsu-Linien kein Streit. Die dokumentierte Geschichte ist gemeinsames Erbe.
Das 20. Jahrhundert und der Bujinkan
Nach Meiji-Restauration und Shugendō-Verbot war die Ninja-Tradition im 20. Jahrhundert weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Takamatsu Toshitsugu (1889–1972) und später sein Schüler Hatsumi Masaaki (geb. 1931) haben im 20. Jahrhundert neun Schulen — Togakure-ryū, Gyokko-ryū, Kotō-ryū, Kukishinden-ryū und weitere — zusammengeführt und weitergegeben. Ohne diese Arbeit wäre Ninjutsu heute kein lebendiger Begriff mehr.
Die akademische Forschung hat zur dokumentarischen Kontinuität der einzelnen pre-Meiji-Linien, die in den Densho dieser Schulen aufgeführt werden, kritische Fragen gestellt. Das ist eine legitime wissenschaftliche Debatte und betrifft vor allem die Frage, ob die Übertragungslinien vor dem 19. Jahrhundert so ungebrochen waren, wie sie überliefert sind. Die Debatte schmälert nicht den Wert der heutigen Praxis — sie ist ein akademischer Hintergrund, der jedem Interessierten bekannt sein sollte.
Die Taguchi-Linie als eigener Weg
Die Taguchi-Linie steht in dieser Debatte nicht. Sie bewirbt sich nicht um den Titel „älteste ungebrochene Linie". Sie geht einen anderen Wahrheits-Typ: Sie lebt aus direkter Übertragung, aus medialer Praxis, aus Anpassung an das, was wirklich funktioniert.
Großmeister Taguchi Sensei war bereits ein vollendeter Meister klassischer japanischer Waffenkünste — Kenjutsu, Bōjutsu, Sōjutsu — bevor er sich mit dem waffenlosen Ninjutsu verband. Seine Linie trägt diese Waffen-Tiefe in sich. Die mediale Dimension trat später hinzu, nachdem er jahrzehntelang geübt hatte.
Taguchis Spirits-Wendung
Eines Tages erlebte Taguchi Sensei, wie Techniken aus seinen Händen und Bewegungen kamen, die er selbst nie gelernt hatte. Nach Jahrzehnten der Praxis begannen die Spirits zu lehren — das ist seine eigene Beschreibung dessen, was geschehen ist. Ich habe diese Erfahrung bei ihm hautnah miterlebt und mache sie heute selbst.
Als er die Wahl hatte, sich entweder der organisierten Form eines Systems zu unterwerfen oder dem zu folgen, was durch ihn hindurch zu fließen begann — hat er sich für das Zweite entschieden. Darin liegt der Kern dessen, was die Taguchi-Linie von anderen Linien unterscheidet: Sie folgt nicht einer Form, sie folgt einer Verbindung. Die Form darf sich ändern. Die Verbindung trägt.
Mein Weg: von Bujinkan zu Taguchi
Mein eigener Weg ins Bujinkan begann 1991 im Bujinkan Bryan Dojo bei Bryan McCarthy in Deutschland — eines der für seine Tiefe bekannten Bujinkan-Dōjō im deutschsprachigen Raum. 1994 führte der Weg direkt zu Großmeister Hatsumi Masaaki nach Deutschland und Japan. Dort habe ich Bujinkan Budō Taijutsu studiert. Das war keine oberflächliche Berührung — ich habe dort einen 2. Dan getragen.
1996 traf ich in Osaka zum ersten Mal Großmeister Taguchi Sensei. Die Umstände waren nicht einfach. Andere Wegbegleiter, bei denen ich in Osaka trainierte, wollten nicht, dass ich zu ihm ginge. Taguchi Sensei dagegen hat mir von Anfang an die Freiheit gegeben, zu entscheiden, wohin ich gehe. Er hat nie um mich geworben. Er hat mich gelassen.
Die Frage, die alles änderte
In Bujinkan-Trainings hatten wir viele Techniken geübt — sehr viele. Die Tiefe der einzelnen Basis blieb dabei oft unberührt. Eines Tages fragte Taguchi Sensei mich etwas, das bis heute in mir nachhallt:
Willst du es richtig üben — oder willst du einfach nur wie im anderen Stil ganz viele Techniken lernen?
Ich habe mich für das richtige Üben entschieden. Daraufhin sagte er: „Dann übst du erst einmal keine Technik. Ich werde dich für einen sehr langen Zeitraum nur werfen und hebeln." Das ging so über sechs Monate. Ich lernte, in den seltsamsten Situationen sicher zu fallen, zu rollen und wieder aufzustehen.
Nach diesen sechs Monaten konnte ich etwas, was ich vorher nicht konnte: aus jeder Lage wieder aufzustehen. Nicht als Technik — als körperliche Selbstverständlichkeit. Das hat meinen Weg für immer geformt.
Die Wahl
Zurück in den Trainings der anderen Wegbegleiter wurde schnell deutlich, wie anders diese Basis war. Ich habe mich dort zunehmend als Fremdkörper erlebt — und die Umgebung hat das gespürt und reagiert. Der Weg war klar. Ich habe mich für die Taguchi-Linie entschieden, vollständig. Seit 1999 trage ich diese Linie in Deutschland.
Das war keine Entscheidung gegen Bujinkan. Bujinkan ist für viele Menschen der richtige Weg, und Hatsumi Masaaki hat im Westen unschätzbare Pionierarbeit geleistet. Es war eine Entscheidung für das, was durch Taguchi Sensei trägt: die Freiheit, der eigene Weg, die mediale Dimension, die lebendige Anpassung.
Wer aus dem Bujinkan kommt und diese Linie sucht — ist willkommen. Wer einen Weg sucht, auf dem es weniger um viele Techniken geht und mehr um die Tiefe der Basis — ist willkommen. Wer die Anime-Brücke zum echten Ninjutsu sucht — ist willkommen.