

Warum das Taguchi-Ryū mehr ist als Ninjutsu
Wer die Taguchi-Linie ab dem mittleren Grad kennenlernt, bemerkt etwas: Hier wird nicht nur Ninjutsu praktiziert. Hier fließen drei Traditionen ineinander — und sie tun es nicht nebeneinander, sondern wirklich verbunden.
Ninjutsu im Kern. Wing-Chun-Formen im Nahen. Escrima-Sinawali in der Hand am Stock. Klassisches Budō in den Waffen-Tiefen. Das ist keine Collage. Das ist eine gewachsene Synthese.

Die Begegnung nach Japan
Ein paar Jahre nach meiner Rückkehr aus Japan begegnete ich jemandem, mit dem etwas Seltenes möglich wurde: ein echter Austausch auf Augenhöhe. Ich zeigte ihm alles, was ich trug. Er zeigte mir alles, was er trug. Wir suchten nicht nach „meinem Stil" oder „seinem Stil" — wir schauten, was zwischen den Traditionen passiert, wenn man sie gleichzeitig bewegt.
Wir fanden zwei Dinge: Manche Techniken heben sich gegenseitig auf — die eine Linie entwaffnet die andere. Und manche tragen sich gegenseitig — die eine öffnet, was die andere vertieft. Aus dieser Beobachtung ist über die Jahre das System gewachsen, das heute die Taguchi-Linie in meiner Übertragung trägt: Ninjutsu im Kern, Wing-Chun-Formen im Nahen, Escrima-Sinawali in der Hand am Stock.
Anpassung ist die Tradition
Dass ich so arbeiten darf, ist keine Abweichung. Das ist die Linie selbst. Taguchi Sensei hat es sein ganzes Leben so gehalten. Und die Geschichte des Ninjutsu ist die Geschichte dieser Anpassung — was über Jahrhunderte überlebt hat, war das, was sich an die Zeit anpassen konnte. Was starr blieb, verschwand.
Die Jōnin von Iga übernahmen von den Yamabushi die Mantra- und Mudra-Praxis. Sie bauten Kuji Kiri in den Krieger-Kontext ein, obwohl es aus dem chinesischen Daoismus kam. Sie passten ihre Taktiken an jede neue politische Lage an. Sie waren keine Bewahrer eines Museums — sie waren lebendige Träger.
Taguchi Senseis Anerkennung
Bei einem meiner späteren Japan-Besuche habe ich Taguchi Sensei das Gewachsene gezeigt. Ich hatte alles auf Video aufgezeichnet — mehrere Gigabyte — und ihm einen USB-Stick mitgebracht. Tragbare Bildschirme mit USB-Anschluss, wie sie heute selbstverständlich sind, gab es damals noch nicht. Taguchi Sensei hat sich dafür einen eigenen kleinen Fernseher gekauft, auf dem er sich das Material in Ruhe anschauen konnte.
Er war begeistert. Nicht nur, weil ich die Basis des Taguchi-Ryū handwerklich weitergetragen habe — sondern weil die Erweiterungen für ihn lebendig wirkten. Er sagte damals einen Satz, den ich bis heute trage: Er wolle gerne bei mir Weggefährte werden. Er war neugierig auf das, was aus den anderen Traditionen dazugekommen war.
Das ist das Bild der Linie, das ich weitergebe: nicht ein Museum, sondern ein Fluss. Nicht ein Abschluss, sondern ein Öffnen.
Drei Traditionen, eine Praxis
Ninjutsu bleibt das tragende Element. Die Taihenjutsu-Basis, die Kamae, die vier Disziplinen, Kuji Kiri, die mediale Dimension — alles, was die Taguchi-Linie ausmacht. Darauf setzen die beiden erweiternden Strömungen auf.
Wing Chun bringt das Nahe mit ein. Siu Nim Tau, Dan Chi, Lap Sau, Poon Sau, Chi Gerk — diese Formen öffnen eine Dimension des engen, sensitiven Kontakts, die im klassischen Ninjutsu in dieser Detailschärfe fehlte. Wing Chun ist für sich selbst schon eine komplette Kampfkunst. Im Taguchi-Ryū ergänzt es das, was die Linie an Nahdistanz-Arbeit bereits trägt.
Escrima, Arnis, Kali — die philippinischen Stock- und Messerkünste — bringen die Hand am Stock. Tanbō, Nitanbō, Sinawali-Patterns, Sumbrada-Drills, Abanicos, Hubud. Die philippinischen Traditionen haben ihre eigenen schamanischen Wurzeln (mehr dazu in Escrima, Arnis und die schamanischen Wurzeln) — diese Verwandtschaft ist einer der Gründe, warum sie mit dem Ninjutsu so gut zusammenwirken.
Was das heute bedeutet
Wer in der Taguchi-Linie den Weg vom grünen Gürtel bis zum 1. Dan geht, erlebt diese Synthese nicht als Zusatz, sondern als natürlichen Verlauf. In den unteren Graden wird das klassische Ninjutsu-Fundament gelegt. Ab dem mittleren Grad öffnen sich die anderen Traditionen. Am Ende trägt der Übende eine Praxis, die in jeder Gestalt — waffenlos, mit Schwert, mit Stock, mit Messer — fließend wird.
Das ist der Grund, warum in dieser Linie Menschen weiterkommen, die in anderen Schulen irgendwann auf ein Plateau stoßen. Die Synthese bietet immer neue Ebenen. Sie gibt den Übenden die Freiheit, den eigenen Schwerpunkt zu finden — und die Sicherheit, dass alle Schwerpunkte auf demselben Boden stehen.