

7.000 Inseln, eine Krieger-Kultur
Die Philippinen sind ein Archipel aus über 7.000 Inseln. Vor der spanischen Kolonisation im 16. Jahrhundert lebten dort hunderte verschiedene Sprachgruppen – verbunden durch eine gemeinsame animistische Weltsicht.
Animistisch heißt: Alles ist beseelt. Berg, Fluss, Baum, Stein, jedes Werkzeug. Auch die Waffe. Wer kämpfte, kämpfte nicht mit einem Holzstück in der Hand – er kämpfte mit dem Geist, der in diesem Holz wohnt. Das ist keine Folklore. Das ist die Grundannahme, auf der die gesamte Kampfkultur dieser Inseln aufgebaut ist.
Was später als Escrima, Arnis oder Kali in den Westen kam, sind regionale Bezeichnungen für dieselbe Grundtradition: Stock- und Klingenkunst, kompromisslos praktisch und gleichzeitig tief rituell. In der westlichen Wahrnehmung ist meist nur die praktische Seite angekommen. Die andere wartet darauf, wieder gesehen zu werden.
Babaylan – die Verbindung von Heilung und Kampf
In der vorspanischen philippinischen Gesellschaft gab es eine zentrale spirituelle Figur, die im Westen kaum bekannt ist: die Babaylan. Übersetzt etwa: „die mit den Geistern Spricht". Die Babaylanes – meist Frauen, manchmal Männer – waren gleichzeitig Heilkundige, rituelle Spezialistinnen für die Verbindung zur Geisterwelt und, wenn die Situation es erforderte, auch Kämpferinnen.
Diese Verbindung dreier Funktionen in einer Person ist für das westliche Denken ungewöhnlich. Heilung, Ritual und Kampf gelten heute als verschiedene Domänen. In der Babaylan-Tradition waren sie Aspekte derselben Praxis. Wer mit den Geistern verhandelt, kann körperlich wirken. Wer körperlich wirkt, tut das in einem rituellen Rahmen. Wer kämpft, tut das aus einer geistigen Verbindung heraus.
Die Kampfbewegungen dieser Tradition sind direkte Übertragungen ritueller Bewegungen. Was heute als Sinawali – das doppelte gegenseitige Stocktraining – praktiziert wird, hat seine Form aus Tänzen genommen, die ursprünglich der Anrufung von Geistern dienten. Wer einmal aufmerksam in einem fortgeschrittenen Sinawali-Fluss war, weiß: Das ist mehr als Koordination. Das ist Form, die etwas ruft.
Verborgen in Volkstänzen
Die spanische Kolonisation ab dem 16. Jahrhundert verbot die einheimische Kampfkunst. Wer mit Stock oder Klinge öffentlich übte, machte sich verdächtig. Die Antwort der Inselbewohner war bemerkenswert: Sie versteckten die Kampfformen in den Volkstänzen.
Tänze wie der Sayaw oder regionale Festtagsperformances sehen für den Außenstehenden harmlos aus. Wer die Bewegungen analysiert, erkennt darin die kompletten Stockschlag- und Klingenführungs-Sequenzen. Die spanischen Behörden sahen Folklore. Die Praktizierenden übten weiter.
Das ist ein wichtiges Detail für das Verständnis der Tradition: Sie hat sich nicht trotz der spirituellen Dimension behauptet, sondern wegen dieser. Eine reine Kampftechnik wäre vergessen worden. Ein Ritual, das gleichzeitig Tanz, Geist-Verbindung und Selbstverteidigung ist, war zu vielschichtig, um ausgelöscht zu werden.
Der Geist der Waffe
Im Tengu Akasha Dojo wird Escrima in einer Linie praktiziert, die diese animistische Tiefe bewusst weiterträgt. Konkret bedeutet das: Bevor mit einem Stock oder einer Klinge gearbeitet wird, gibt es eine Form der Begegnung mit dem Material. Aus welchem Holz kommt der Stock? Welcher Baum, welcher Ort? Die Antwort ist nicht egal.
Wer das zum ersten Mal hört, denkt eventuell an esoterische Spielerei. Wer es einmal selbst gespürt hat – wer den Unterschied gemerkt hat zwischen einem Stock, mit dem man verbunden ist, und einem, mit dem man nicht verbunden ist – versteht, dass die Frage handfest ist. Die Bewegung wird anders. Der Schlag landet anders. Die Wahrnehmung des Gegenübers verändert sich.
„Wer nie mit dem Geist seines Stocks gesprochen hat, hat Escrima nie wirklich praktiziert."
Die Linie, durch die das hier ankommt
Marks eigene Praxis in der philippinischen Tradition ist über Jahre im direkten Austausch mit zwei Praktizierenden gewachsen — beide auf ausdrücklichen Wunsch ohne namentliche Nennung. Eine der prägenden Linien dieser Übertragung ist Pekiti Tirsia Kali — eine philippinische Tradition, die nicht den Sport-Weg eingeschlagen hat. Das ist die Differenz, auf die es ankommt: Escrima im Wettkampf-Modus mit Punkterichter und Schutzausrüstung ist eine respektable Disziplin — aber es ist eine andere Sache. Was hier praktiziert wird, ist die Linie, die mit den Geistern noch redet.
Die Verbindung dieser philippinisch-animistischen Tradition mit der japanischen Krieger-Linie und dem chinesischen Daoismus, wie sie im Tengu Akasha Dojo zusammengewachsen sind, ist kein Synkretismus. Es ist die Erfahrung, dass alle drei Traditionen aus demselben Akasha-Raum schöpfen – sie haben nur verschiedene Tore dafür entwickelt.