

Die Körper-Künste der Linie
Bevor eine Technik getragen werden kann, muss der Körper offen sein. Was wie Aufwärmen aussieht, ist in der Taguchi-Linie das Fundament — und wer es ernst nimmt, trägt es ein Leben lang.
In der Praxis der Taguchi-Linie gibt es drei Körper-Künste, die ineinandergreifen: Jūnan Taisō — den Körper weich machen. Taihenjutsu — die Kunst, den Körper unter Belastung zu verwandeln. Und Taijutsu — der unbewaffnete Einsatz, in dem die beiden ersten zusammenkommen.
Jūnan Taisō — den Körper weich machen
Jūnan Taisō (柔軟体操) heißt wörtlich Übungen zur Weichheit und Biegsamkeit. Es sieht manchmal aus wie Gymnastik, manchmal wie das Andeuten von Schlägen und Stößen — aber sein eigentlicher Zweck ist ein anderer. Die Bewegungen dehnen, lockern und stärken den Körper auf eine Weise, die ihn für das vorbereitet, was kommt: Atem-Übungen, Stand-Übungen, Bewegungen, die helfen, in die Mitte zu kommen.
Wer Jūnan Taisō regelmäßig praktiziert, bewegt sich auch im Alltag natürlicher. Der Körper verliert die kleinen Verklemmungen, die sich in Jahren aufgesetzt haben. Er wird wieder das, was er immer war — ein Gefäß, das sich mit dem Moment bewegt.
Taihenjutsu — die Kunst, den Körper zu verwandeln
Taihenjutsu (体変術) ist die Kunst, den eigenen Körper so zu führen, dass er unter extremer Belastung nicht bricht, sondern sich formt. Rollen, Fallen, Sprünge, Bewegungen aus der Liegeposition — alles, was hilft, eine heftige Situation körperlich unverletzt zu durchqueren. Ob das ein Fahrrad-Sturz ist oder eine echte Kampf-Situation, spielt für die Bewegungsprinzipien keine Rolle.
Der Einstieg findet auf weicher Matte statt, oft zuerst aus sitzender Position. Später im Stehen und in Bewegung. Wer die Basis verinnerlicht hat, arbeitet auf Rasen, dann auf härterem Boden. Spezielle Übungen zur Stärkung des Rückens sorgen dafür, dass Rollen auch auf Teer und Pflastersteinen schmerzfrei möglich werden.
Mark Hosak: der eigene Weg ins Taihenjutsu
Als ich das erste Mal zum Taihenjutsu kam, wollte mein Körper nicht rollen. Ein Ski-Unfall hatte sich in mir eingeschrieben — jedes Fallen war ein stumpfer Alarm. Ich stand auf der Matte und wusste: Ich traue mich nicht.
Meister Taguchi hat mir nichts übertragen, was man erklären könnte. Er hat einfach geführt. Jede Bewegung, die er mir zeigte, war kleiner und weicher, als ich erwartet hatte. Die Angst bekam keinen Gegner. Sie hatte nichts mehr zu packen.
In dieser Zeit begann ich, eigene Übungen zu formen — nicht als Alternative, sondern als Weg hinein in das, was Taguchi Sensei schon trug. Sanfte Gymnastik, die dem Körper erlaubt, zu rollen, bevor er weiß, dass er fällt. Die Angst löste sich nicht durch Überwindung. Sie löste sich, weil ihr der Grund entzogen war.
Später hat Meister Taguchi meine Methode anerkannt. Sie ist heute Teil der Taguchi-Linie.
Taijutsu — der unbewaffnete Einsatz
Taijutsu (体術) bringt zusammen, was Jūnan Taisō und Taihenjutsu vorbereitet haben. In der Übung geht es nicht darum, Situationen zu gewinnen. Es geht darum, mit Geist und Körper handlungs- und bewegungsfähig zu bleiben — in jeder Situation. Selbstverteidigung ist ein Nebeneffekt, kein Ziel.
Das Taijutsu der Taguchi-Linie kennt zwei Richtungen, die beide wichtig sind und die sich ergänzen:
Daken Taijutsu — die harten Techniken
Daken Taijutsu (打拳体術) nutzt Stich-, Stoß- und Schlagtechniken mit Fäusten, Handflächen, Ellbogen, Knien und Füßen. Viele Variationen, viele Schritt- und Bewegungsabfolgen. Anfänger-Praxis arbeitet mit festen Abfolgen, fortgeschrittene Praxis wird freier.
In den Daken Taijutsu eingebettet: Koppō Jutsu (骨法術) — die „Kunst des Knochenbrechens". Ein feineres System, das den Körper des Gegenübers nicht durch Kraft, sondern durch präzise Winkel beeinflusst. Koppō Jutsu ist eine Meisterschaft für sich.
Jūtai Jutsu — die weichen Techniken
Jūtai Jutsu (柔体術) arbeitet mit Hebeln, Verknotungen, Würfen. Stich- und Stoßtechniken kommen kaum vor. Wenn eine Faust benutzt wird, bleibt sie offen — die Hände sind flexibel genug, um Kleidungsstücke oder Finger zu greifen, und die Reaktionsfähigkeit für das Greifen wird mit jedem Tag präziser.
Jūtai Jutsu wirkt auf den, der es von außen sieht, sanft. Für den, der es von innen erlebt, ist es alles andere als sanft: ausgeklügelte Hebel, die sich von alleine anziehen, sobald der Partner sich bewegt. Eine Spezialität dieser Richtung — und ein tiefer Bestandteil der Taguchi-Linie.
Warum diese drei zusammen gehören
In der Taguchi-Linie werden Jūnan Taisō, Taihenjutsu und Taijutsu nicht getrennt praktiziert. Sie bilden eine Einheit. Ohne Jūnan Taisō wird der Körper starr und bricht unter Belastung. Ohne Taihenjutsu wird jede Technik zu einer Situation, aus der es keinen sicheren Rückweg gibt. Ohne Taijutsu bleiben die ersten beiden Übungen ohne Anwendungsraum.
Die Reihenfolge ist wichtig. Wer zu früh zu Techniken kommt, baut auf einem Körper, der sich noch nicht öffnen konnte. Wer zu lange in der Vorbereitung bleibt, kommt nie in die Bewegung. Der Weg dazwischen ist die eigentliche Praxis.