

Warum Waffen Wegbegleiter sind
Eine Waffe ist in der Taguchi-Linie kein Sport-Gerät. Sie ist ein Wegbegleiter. Sie zeigt dem Übenden, wo sein Körper Widerstand hat, wo seine Aufmerksamkeit abfällt, wo seine Mitte sich verliert.
Wer eine Waffe ernst nimmt, lernt mehr über sich selbst als über die Waffe. Und das gilt gleichermaßen für das Schwert wie für den Stock, für das Messer wie für den Hanbō. Jede Waffe stellt eine eigene Frage.

Nyo Ken-Jutsu — das Schwert
In der Taguchi-Linie heißt die Schwertkunst Nyo Ken-Jutsu (如剣術) oder Nyo Hen Jutsu. Das Schwert ist das Katana — die lange, geschwungene Klinge des klassischen Budō. Ergänzt wird sie durch das kürzere Wakizashi und das Mikken, das kürzere Ninja-Schwert.
Die Grundschule (Suburi) arbeitet ohne Partner. Drei zentrale Kamae tragen die Praxis: Dai Jōdan no Kamae (Schwert über dem Kopf), Kongō no Kamae (Schwert vor der Brust) und Seigan no Kamae (Schwert nach vorn, auf die Augenhöhe des Gegenübers). Aus diesen Haltungen fließen Schnitte und Stiche — Shomen, Tsuki Chudan, Tsuki Jōdan, Yokomen, Naname Giri, Kiri Age — in unendlicher Variation.
Die fortgeschrittenen Bereiche des Nyo Ken-Jutsu umfassen Shinobi-Iai (das unauffällige Schwertziehen), Techniken in Seiza, Bodenkampf, Tsuba-Iri, Ura-Techniken und den Schwertnahkampf auf engstem Raum. Taguchi Sensei war jahrzehntelang Meister dieses Feldes, bevor er sich dem waffenlosen Ninjutsu widmete. In der Taguchi-Linie beginnt die Schwertpraxis ab dem 9. Kyū als eigenständiger Weg parallel zum Tai-Jutsu.
Enbo-Jutsu — der lange Stock im Affenstil
Das Enbo-Jutsu ist eine Herzstück-Disziplin der Taguchi-Linie. Der Stock ist der Yonshaku-Bō (ca. 1,30 m), später ergänzt durch den Rokushaku-Bō (1,82 m). Der „Affenstil" bezieht sich auf die charakteristische Beweglichkeit und Verschlagenheit der Bewegungen, die an die Art erinnern, wie ein Affe einen Ast führt.
Die Grundschule besteht aus 20 Grundtechniken in der Hira no Kamae (Querhaltung) und der Chūdan no Kamae (Mittelhaltung), die sowohl allein als auch mit Partner geübt werden. Fortgeschrittene Übungen umfassen die Umgriff-Formen 1 bis 6, Klebender-Stock-Drills, Partnerarbeit gegen Überraschungsangriffe und den Spezial-Drill mit dem vertikalen BokuBō. Der Rokushaku-Bō tritt im 7. Kyū als erweiterte Dimension hinzu — der lange Stock des Kriegermönchs.
Bis zum 1. Dan ist Enbo-Jutsu in der Taguchi-Linie strukturell vollständig — eine der wenigen Ninjutsu-Schulen, in denen der Bō nicht Randnotiz, sondern eine eigenständige Disziplin ist. Die Bō-Praxis beginnt ab dem 9. Kyū als eigenständiger Weg.
Hanbō-Jutsu — der Halb-Stock
Der Hanbō ist der halbe Bō — etwa 91 cm. Er wird in der Taguchi-Linie als eigene Disziplin gepflegt, mit eigenen Kamae und eigenen Drills. Die 20 Grundtechniken werden in Mittel-, Stoßlängs- und Schwert-/Schlaghaltung geübt, mit und ohne Umgreifen. Dazu kommen der 4er-Spezialdrill, die Spannschlag-Familie und Anwendungen gegen Fauststoß, Fußtritt, Messer und Schwert.
Im Alltag überlebt der Hanbō als Spazierstock oder als Dachlatten-Abschnitt. In der Praxis lehrt er, wie man mit einer kürzeren Waffe dasselbe erreicht wie mit einer längeren — durch Distanz-Arbeit, durch Bewegung, durch Timing. Der Hanbō-Weg beginnt ab dem 7. Kyū.
Tanto-Jutsu — das Messer
Das Tanto-Jutsu arbeitet mit dem Tantō — einem Messer in der Tradition des kurzen japanischen Dolches. In der Grundschule: Trageweisen, verdeckte Haltungen, die 22 Grundschnitte, Stiche aus Chūdan und Jōdan. In der Partnerarbeit: Abwehren gegen Messerstiche, gegen Umfassen des Waffenhandgelenks, Arbeit in Normal- und Ura-Griff.
Die Taguchi-Linie hat hier eigenständige Signaturen: den Taguchi-Tantō-Tsuk als Grundbewegung, den Taguchi-Drill gegen Stich- und Schnittangriffe und die Vogelscheuchen-Technik. Tanto-Jutsu in dieser Linie ist keine „Messer-Show". Es ist Präzisionsarbeit — enge Distanz, kleine Bewegungen, scharfe Wahrnehmung. Wer das Messer ernst nimmt, übt Geduld und Stille. Der Tantō-Weg beginnt ab dem 7. Kyū.
Gendai Bo-Jutsu — die philippinischen Stöcke
Ab dem mittleren Grad öffnet sich eine weitere Schicht: das Gendai Bo-Jutsu (現代棒術) mit Tanbō (einzelner kurzer Stock, 60–70 cm) und Nitanbō (zwei kurze Stöcke). Hier kommen Elemente der philippinischen Stock- und Messerkünste hinein — Escrima, Arnis, Kali — mit Sinawali-Patterns, Abanicos, Roofblocks, Sumbrada-Drills und der Hubud-Reihe.
Diese Integration ist kein Bruch mit der japanischen Tradition. Sie ist Ausdruck desselben Prinzips, das Ninjutsu seit Jahrhunderten am Leben gehalten hat: Anpassung an das, was wirklich funktioniert. Mehr dazu im Artikel Warum das Taguchi-Ryū mehr ist als Ninjutsu und in der Vertiefung Escrima, Arnis und die schamanischen Wurzeln.
Die weitere klassische Rüstkammer
Die vollständige historische Rüstkammer des Ninjutsu umfasst darüber hinaus weitere spezialisierte Werkzeuge — Kusari Fundō (Kette), Tessen (Kriegsfächer), Kama (Sichel), Yari (Speer), Naginata (Hellebarde) und weitere. Diese klassisch-historischen Waffen gehören zur Tradition, werden in der Taguchi-Linie heute aber nur im Rahmen der internen Vertiefung berührt. Sie sind Teil des lebendigen Erbes — nicht Schaustücke, nicht Sport-Geräte.
Was Waffen im spirituellen Kontext bedeuten
Eine Waffe ist im Taguchi-Ryū nicht Werkzeug der Aggression. Sie ist ein Spiegel. Sie zeigt dir, wo du stehst — ob du in der Mitte bist oder daneben, ob dein Atem ruhig ist oder hektisch, ob deine Aufmerksamkeit offen ist oder verengt. Ein Schwert vergisst nichts. Ein Stock auch nicht.
Wer diese Praxis ernst nimmt, wird nicht aggressiver. Er wird klarer. Das ist der Unterschied zwischen einer Kampfsport-Schule und einer Linie, die Waffen als spirituelle Wegbegleiter versteht.