Eine Bewegung mit drei Schichten
Jede Bagua-Praxis beginnt mit dem Kreisgehen. Ein scheinbar einfaches Wandeln um einen unsichtbaren Mittelpunkt — der Körper leicht gedreht, der Blick nach innen. Eine Anfängerin sieht es und denkt: nett, ruhig, beschaulich.
Eine Meisterin sieht dieselbe Bewegung und weiß: hier passiert alles auf einmal. Drei Schichten arbeiten gleichzeitig — körperlich, meditativ, rituell. Das Kreisgehen ist eine der wenigen Praktiken, in denen die alten chinesischen Lehren diese drei Schichten so dicht verflochten haben, dass man sie nicht mehr trennen kann.
Die körperliche Schicht
Beginnen wir mit dem, was sichtbar ist. Der Übende umrundet einen unsichtbaren Mittelpunkt. Der Schritt ist nicht gewöhnlich. Im Bagua heißt er tang ni bu 趟泥步 — der Schlammwate-Schritt. Der Fuß bleibt flach, tastet sich nach vorne, gleitet beinahe über den Boden, als würde er sich durch zähen Schlamm bewegen. Er rollt nicht ab. Er hebt sich nicht vom Boden. Er trägt das Tasten, nicht das Stampfen.
Was dabei körperlich geschieht, ist tief: die Hüften öffnen sich, die Beine tragen viel Gewicht über lange Zeit, das Iliosakralgelenk wird beweglich, der Atem senkt sich in den Bauch. Bagua-Meister behalten bis ins hohe Alter eine Beweglichkeit und Stabilität, die jüngere Praktizierende vieler anderer Künste oft nicht haben.
Die meditative Schicht
Nach einigen Minuten verändert sich etwas. Die Wiederholung — Schritt für Schritt, Runde für Runde — beginnt den diskursiven Verstand zu beruhigen. Was am Anfang Anstrengung war, wird Rhythmus. Was am Anfang Gedanke war, wird Atem. Der Kreis selbst übernimmt die Führung.
Das ist nicht Trance. Es ist auch nicht jene berühmte „Leere" der Zen-Tradition, sondern etwas Subtileres: eine wachen Stille, in der die Wahrnehmung nicht verschwindet, sondern feiner wird. Wer das Kreisgehen über Jahre übt, kennt diesen Zustand. Man spürt die Erde anders, die Luft anders, den eigenen Körper anders. Die Bewegung trägt einen.
In den klassischen Bagua-Manualen wird dieser Zustand als ding (定) beschrieben — gesammelte Stille in der Bewegung. Das ist die meditative Tiefe, die Bagua von der Morgengymnastik unterscheidet.
Die rituelle Schicht
Und dann gibt es die Schicht, die im Westen fast immer übersehen wird. Sie wird im Bagua-Westen selten weitergegeben, weil sie nicht in Büchern steht und weil viele moderne Praktizierende sie nicht mehr kennen. Aber sie ist die ursprüngliche Schicht, aus der das Kreisgehen kommt: das Kreisgehen ist ein Ritual.
Es ist eine Einladung. Eine bewusste Geste an etwas, das nicht in dieser Welt allein wohnt. In den ältesten Bagua-Linien wurde vor dem Beginn des Kreisens eine Anrufung gesprochen — an die acht Trigramme als kosmische Kräfte, an die Berg-Spirits aus denen die Praxis kam, an die Ahnen der Linie. Das war keine Show. Das war die Eröffnung eines Raumes, in dem die Spirits die eigentlichen Meister sind.
Wenn die Spirits antworten
Wer das Kreisgehen mit dieser dritten Schicht übt, erlebt etwas, das die ersten beiden allein nicht geben können. Bewegungen kommen aus dem Körper, die der Verstand nicht geplant hat. Eine Hand öffnet sich auf eine Weise, die der Übende selbst nicht entschieden hat. Der Schritt geht in einem Rhythmus, der nicht aus dem Metronom des Geistes stammt.
Das ist die Erfahrung, die meine eigene Praxis mit dem Kreisgehen seit Jahren prägt: dass es einen Punkt gibt, an dem nicht mehr ich übe, sondern an dem das Kreisen mich übt. Großmeister Taguchi Sensei hat im Ninjutsu denselben Punkt beschrieben — und es ist kein Zufall, dass Bagua-Adepten dieselbe Sprache verwenden.
„Wenn man über Jahre die Basis gut trainiert und sich immer mit den Spirits verbindet, beginnen diese einen irgendwann zu belehren."
Die Sinnlichkeit der Bewegung
Es gibt einen oft vergessenen Aspekt des Kreisgehens: seine schiere Lebensfreude. Wer es ernsthaft übt, kennt das Glück, das sich einstellt, wenn der Körper mit der Erde gemeinsam atmet, wenn die Füße aufhören zu drücken und beginnen zu greifen, wenn die Schultern weicher werden als der Wind, der durch sie hindurchgeht.
Dies ist keine asketische Praxis. Bagua ist sinnlich — die Wärme der Sonne auf dem Rücken, die Kühle der Morgenluft an den Wangen, die Schwerkraft als Geliebte statt als Feindin. Wer Bagua ohne diese Freude übt, übt eine Karikatur seiner selbst.
Wo der Weg beginnt
Das Kreisgehen kann nicht in einem Buch erklärt werden. Es kann nur gezeigt und über Jahre gemeinsam praktiziert werden. Es braucht einen Meister, der die Praxis selbst über lange Zeit gegangen ist — und die drei Schichten kennt. Marks eigene Bagua-Praxis kommt aus der Übertragung von She Yinge und Tom Bisio, beides Meister mit jahrzehntelanger eigener Tiefe.
Im Tengu Akasha Dojo ist das Kreisgehen nicht Vorprogramm. Es ist die Praxis, die alles andere möglich macht. Wer hier hineintaucht, hat den Eingang in den gesamten Bagua-Weg gefunden.