Bagua-Cluster · Brücke

Chanmi-Qigong — die buddhistischen Wurzeln

禅蜜氣功 · ぜんみつきこう

Wo der schamanische Daoismus den esoterischen Buddhismus berührt, lebt Chanmi-Qigong.

Bagua-Cluster · Dr. Mark Hosak · 7 Minuten Lesezeit

Was Chanmi-Qigong heißt

Chanmi-Qigong (禅蜜氣功) — drei Schriftzeichen, die eine ganze Welt enthalten. Chan 禅 steht für den Chan-Buddhismus, im Westen besser als Zen bekannt. Mi 蜜 steht für die Geheim-Lehre — den esoterischen oder tantrischen Buddhismus. Und Qigong 氣功 ist die Energie-Praxis chinesischer Herkunft, die im Daoismus ihre älteste Wurzel hat.

Allein die Zusammensetzung des Namens sagt etwas Bemerkenswertes: in Chanmi-Qigong begegnen sich drei spirituelle Stränge, die im klassischen China nebeneinander, miteinander und manchmal in Spannung zueinander existierten. Wer Chanmi praktiziert, übt nicht eine reine buddhistische Methode und nicht eine reine daoistische — er übt etwas, in dem beide Wurzeln noch lebendig sind.

Liu Han Wen — der Begründer

Chanmi-Qigong in seiner heutigen, systematisierten Form geht auf Liu Han Wen 劉漢文 (1921–2004) zurück. Liu Han Wen lernte die Praktiken in seiner Familie — von Vätern, Großvätern und Vorfahren, die wiederum bei verschiedenen Meistern studiert hatten. Was er weitergab, war kein neu erfundenes System. Es war eine Verdichtung dessen, was über Generationen in seiner Familie gepflegt wurde.

Liu Han Wen selbst sagte, die exakte Geschichte der Praktiken sei unklar. Aber die Schriftzeichen Chan und Mi verraten die buddhistische Herkunft: Chan-Buddhismus und Tantrischer Buddhismus. Dass dabei auch Elemente des Daoismus eingingen, war für Liu Han Wen offensichtlich — denn der Begriff Qigong selbst stammt aus dem daoistischen Kontext der Lebensenergie-Kultivierung.

Chan — die Schicht des Schauens

Im 6. Jahrhundert wurde in China der Chan-Buddhismus gegründet, traditionell auf Bodhidharma zurückgeführt, den 28. Patriarchen in der Linie des historischen Buddha. Bodhidharma soll auf einem Palmblatt nach China gekommen sein, neun Jahre lang mit Blick auf eine weiße Wand meditiert haben, und schließlich erst Huike als Schüler aufgenommen haben, der sich aus Hingabe die eigene Hand abschnitt.

Was Chan vom Rest des chinesischen Buddhismus unterscheidet, ist seine Konzentration auf die direkte Erfahrung. Keine endlosen Sutras, keine komplexen Rituale — sondern Schauen, das die diskursive Aktivität des Geistes zur Ruhe kommen lässt, bis die ursprüngliche Buddha-Natur unmittelbar erkennbar wird.

Im Chanmi-Qigong lebt diese Schicht in der Stille der Übung. In der Übung Renbu — dem Stillen Qigong — kommt der Geist in eine Ruhe, die nicht erzwungen ist, sondern aus dem Körper selbst entsteht. Wer das spürt, weiß, warum Chan-Meditation und Qigong nicht zwei verschiedene Dinge sind.

Mi — die Schicht der Geheim-Lehre

Die andere Wurzel ist der Tantrische Buddhismus, im Chinesischen mi-jiao 密教 — die Geheim-Lehre. Tantra bedeutet wörtlich: das, was verborgen oder hindurchgewoben ist. Tantrische Praxis arbeitet mit Mantras (heilige Silben), Mudras (Handgesten) und visuellen Symbolen, die im Praktizierenden bestimmte Schichten der Wirklichkeit aktivieren.

Im 7. und 8. Jahrhundert kam diese Tradition über die Meister Śubhakarasiṃha, Vajrabodhi und Amoghavajra von Indien nach China. Sie übersetzten zentrale Texte wie das Mahāvairocana-sūtra ins Chinesische, übermittelten die drei Mysterien von Körper, Rede und Geist (sanmi 三蜜) — eine Praxis, in der Mudra, Mantra und Visualisierung gleichzeitig wirken.

Diese tantrische Schicht ist es, die Chanmi-Qigong so eng mit dem japanischen Shingon-Buddhismus verbindet — und damit auch mit der Praxis von Shingon Reiki und mit dem Kuji Kiri, das im Ninjutsu eine zentrale Rolle spielt. Die Verbindung läuft über die drei Mysterien, die in allen drei Traditionen — Chanmi, Shingon und Kuji Kiri — die strukturelle Grundlage bilden.

Warum Chanmi im Bagua-Cluster steht

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Chanmi gehöre eher zu Shingon Reiki oder zu Kuji Kiri als zum Bagua. Das stimmt — aber nur teilweise. Chanmi ist ein Brücken-System. Es trägt buddhistische Wurzeln, aber es atmet auch in einer daoistisch-energetischen Welt. Wer Bagua praktiziert und Chanmi dazunimmt, erlebt, dass die beiden Praxen sich gegenseitig stärken.

Im Bagua arbeitet man mit der Wandlung — Yin und Yang, die acht Trigramme, die kreisende Bewegung. Im Chanmi arbeitet man mit der buddhistischen Stille und mit der Aktivierung der drei Mysterien. Wer beides verbindet, übt eine Praxis, in der Wandlung und Stille einander nicht ausschließen. Das ist die Tiefe, die in der inneren chinesischen Tradition immer schon angelegt war.

Mein eigener Weg zu Chanmi-Qigong führte über die Praxis bei Xuelin Jiang — und über eine Forschungsarbeit, in der ich die buddhistischen Quellen des Chanmi an der Universität untersucht habe. Wer tiefer hineingehen will, kann diese Arbeit auf Anfrage einsehen.

Wie Chanmi in die Bagua-Praxis fließt

In meiner eigenen Praxis verbinden sich Bagua und Chanmi nicht durch Verschmelzung, sondern durch Ergänzung. Das Kreisgehen bleibt das Kreisgehen — daoistische Wandlungs-Bewegung mit schamanischen Wurzeln. Aber wenn ich vor dem Kreisen eine Chanmi-Form übe, wenn ich nach dem Kreisen in eine stille Chanmi-Meditation sinke, dann steht das ganze Bagua in einem anderen Klang.

Die buddhistische Stille gibt dem Bagua eine Klarheit. Das daoistische Kreisen gibt dem Chanmi eine Erdung. Wer beide kennt, hat im Körper eine Sprache, die sowohl Wandlung als auch Stille fließend zwischen sich übersetzen kann.

Dies ist nicht der Standard-Weg in Bagua-Schulen. Aber er ist der Weg, der für mich aus meiner Geschichte heraus stimmig wurde. Und er steht im Tengu Akasha Dojo allen offen, die für die Verbindung zwischen Bagua und der esoterisch-buddhistischen Schicht aufgeschlossen sind.

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