Bagua-Cluster · Praxis

Stand-Säulen im Bagua — Wuji, Sancai Zhan Zhuang und die zwölf Säulen

站樁 · たんとう

Bevor jemand im Bagua geht, steht er. Bevor er steht, kommt er zur Stille. Aus der Stille heraus öffnet sich alles.

Bagua-Cluster · Dr. Mark Hosak · 7 Minuten Lesezeit

Wuji — und was darin wirklich passiert

„Wuji" 無極 heißt wörtlich: ohne Pol. Ohne Yin, ohne Yang, ohne Bewegung. Es ist der Zustand vor der ersten Trennung der Welt in Gegensätze. In den meisten westlichen Kampfkunst-Schulen wird er als „einfach Stehen" beschrieben. Das ist falsch — oder genauer: das ist die halbe Wahrheit, die Anfängern erzählt wird.

Im schamanischen Daoismus geschieht im Wuji-Stand sehr viel. Nicht durch Tun, sondern durch eine Schicht von inneren Übungen (neigong), die in der Stille ablaufen. Was nach außen wie Stehen aussieht, ist innerlich eine ganze Werkstatt: das Qi sammelt sich an bestimmten Punkten, der Atem wird zu einem Werkzeug, die Aufmerksamkeit wandert durch den Körper und richtet Schichten aus, die im Alltag gar nicht spürbar sind.

Diese inneren Übungen werden Anfängern bewusst nicht verraten. In China sagt man dann einfach: „Du stehst." Das ist die alte Art, mit Schülern umzugehen, denen man die tieferen Schichten nicht öffnen will — entweder weil sie noch nicht bereit sind, oder weil der Meister sie nicht für würdig hält. Wer diesen Satz hört und glaubt, es sei nur Stehen, übt eine tote Übung. Die Form ist da, aber sie ist leer.

Der wahre Meister weiß: nach dem reinen Stehen kommen viele innere Übungen. Erst wenn diese inneren Übungen über lange Zeit praktiziert wurden, erst wenn der Übende innerlich etwas an Fähigkeiten und Kräften entwickelt hat, ist er bereit für die Bewegungsformen. Wer ohne diese innere Arbeit in die Bewegung geht, übt Sport — anstrengend, aus der Muskulatur, ohne dass die Kraft von innen kommt. Was im Bagua wirklich passiert, kommt von innen.

Woran man die lebendige Praxis erkennt

Es gibt Zeichen, an denen sich erkennen lässt, ob die Wuji-Übung lebendig ist oder tot. Diese Zeichen sind nicht behauptet — sie zeigen sich im Körper desjenigen, der wirklich übt.

Marks eigene Erfahrung mit dieser Praxis: Es entsteht ein Gefühl von innen heraus zu wachsen. Nicht in der Vorstellung, sondern körperlich spürbar — als würde die Wirbelsäule sich von innen aufrichten, als würde Raum entstehen, der vorher nicht da war. Über die Jahre hat sich Marks Haltung dadurch drastisch verändert: was früher ein deutlicher Rundrücken war, ist heute komplett verschwunden. Das ist keine Korrektur durch Willen. Das ist Aufrichtung von innen.

Weitere Zeichen: die Übungen geben sehr viel Energie. Nicht so, wie Kaffee Energie gibt, sondern aus einer tieferen Schicht. Wer im Wuji die innere Arbeit tatsächlich macht, kann auf einmal sehr lange stehen — länger, als der gewöhnliche Mensch es ertragen würde — und fühlt sich dabei wohl. Während die restliche Welt sich überall hinsetzen will, wird Stehen für den Praktizierenden eine Form von Wohlbefinden, in der er bleiben kann, solange er will. Das ist nicht Disziplin. Das ist die natürliche Folge davon, dass das Qi im Körper kreist.

Drei weitere Stand-Positionen aus dem Wuji

Aus dem Wuji-Stand entwickeln sich im Bagua drei weitere Stand-Positionen, die je eine zusätzliche Qualität in den Körper bringen. Sie sind statisch — der Übende steht, der Körper hält die Form, der Atem geht.

Die erste vertieft die Wurzel. Die Beine arbeiten mehr, der Schwerpunkt sinkt tiefer, das Becken öffnet sich nach unten. Was hier entsteht, ist nicht Kraft im westlichen Sinne, sondern chen — Sinken, Erden, Festwerden in der Erde.

Die zweite öffnet den oberen Raum. Die Arme heben sich, die Wirbelsäule streckt sich nach oben, der Atem füllt den Brustkorb. Hier verbindet sich der Körper mit dem Himmel — nicht symbolisch, sondern im körperlichen Erleben.

Die dritte sammelt die Mitte. Die Hände formen sich vor dem Unterbauch, der Schwerpunkt findet sich genau dort, wo der untere Dantian sitzt. Diese Position ist die Vorbereitung dafür, dass das Qi sich in der Mitte sammelt — und dass es von dort aus in den Kreislauf eintreten kann.

Sechs Bewegungen mit Qi-Wahrnehmung

Nach den drei statischen Stand-Positionen folgen sechs Übungen, in denen Stand und Bewegung sich verbinden. Sie schulen drei Fähigkeiten, die im Bagua tragend werden: das Qi zu spüren, es zu wahrnehmen und es zu lenken.

Spüren ist die erste Schicht. Was geschieht im Körper, wenn die Arme sich heben? Wann wird etwas warm? Wann fließt etwas? Wann sammelt sich etwas? Diese Fragen werden in den ersten Bewegungs-Übungen nicht beantwortet, sondern gestellt. Der Körper antwortet selbst.

Wahrnehmen ist die zweite Schicht. Was geschieht nicht nur im eigenen Körper, sondern in dem Raum um den Körper? Die Bagua-Tradition spricht von einem Qi-Feld, das jeden Übenden umgibt — und das mit den Qi-Feldern anderer Menschen, mit den Spirits der Bäume, mit der Energie des Ortes in Resonanz geht. Diese Wahrnehmung ist nicht Mystik. Sie ist die Fähigkeit, das zu spüren, was ohnehin da ist.

Lenken ist die dritte Schicht. Wenn das Qi gespürt und wahrgenommen wurde, kann es geführt werden — durch die Aufmerksamkeit, durch den Atem, durch die Geste. Aber das geschieht nicht durch Willen. Es geschieht durch Einladung. Wer das Qi mit Gewalt führen will, verliert es. Wer es einlädt, geht mit ihm.

Sancai Zhan Zhuang — die Drei-Schätze-Säule

Aus der älteren chinesischen Tradition kommt eine besondere Stand-Säulen-Form: Sancai Zhan Zhuang 三才站樁 — das Säulenstehen der Drei Schätze. Die drei Schätze sind hier Himmel, Mensch, Erde. Der Stand wird zur senkrechten Achse, die diese drei Schichten verbindet.

Die Füße verwurzeln sich in der Erde. Der Scheitel zieht sich zum Himmel. Der Mensch steht in der Mitte und ist die Brücke. Was klingt wie ein poetisches Bild, ist im Stehen eine konkrete Erfahrung: der Körper fühlt sich vertikal anders an, als wenn er einfach so dasteht. Es ist, als würde eine Linie durch ihn hindurchgehen, die nicht der Schwerkraft folgt, sondern einer anderen Ordnung.

In manchen Linien ist Sancai Zhan Zhuang die Grundübung schlechthin. Wer sie über Monate übt, kennt sich anders. Der eigene Stand im Leben verändert sich — nicht symbolisch, körperlich.

Die zwölf Stand-Säulen

In Marks Bagua-Linie wird eine Serie von zwölf Stand-Säulen weitergegeben. Jede dieser Säulen bringt eine spezifische Qualität in den Körper — manche stärken die Wurzel, manche öffnen den Brustraum, manche sammeln das Herz-Qi, manche schulen die Wahrnehmung der subtilen Schichten.

Was diese zwölf Säulen besonders macht, ist ihre Reihung. Sie sind nicht zwölf unabhängige Übungen. Sie bauen aufeinander auf. Die erste bereitet die zweite vor. Die fünfte braucht die vorhergehenden vier. Wer alle zwölf durchgegangen ist, hat im Körper eine Erfahrungs-Karte des inneren Bagua gebaut, die ihn durch alle weiteren Formen trägt.

Diese Säulen können nicht aus Büchern empfangen werden. Sie müssen von einem Meister gezeigt werden, der sie selbst über Jahre verkörpert hat. Erst wenn der Körper sie kennt, wird der Übende bereit für die Bewegungsformen — und die Kraft kommt von innen, nicht aus der Muskulatur.

Was die Stand-Säulen-Arbeit hinterlässt

Wer die Stand-Säulen über Monate und Jahre übt, trägt sie irgendwann in jedem Augenblick. Stehen im Supermarkt, Warten an der Ampel, Schlangestehen am Flughafen — alle diese Augenblicke werden zur stillen Fortsetzung der Praxis. Die Welt um den Übenden wird ruhiger, weil seine Mitte ruhiger geworden ist.

Das ist die Schicht, die Mark seit Jahren in seiner eigenen Praxis kultiviert — und die in den Bagua-Stunden im Tengu Akasha Dojo den unausgesprochenen Boden bildet, auf dem alles andere wachsen kann.

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