Was Jiben Gong wörtlich heißt
„Jiben Gong" 基本功 — wörtlich: Basis-Arbeit, Grundlagen-Arbeit. Es ist der Sammelbegriff für alles, was vor der Form kommt: Dehnungen, Stand-Übungen, Schritte, Atemarbeit, Wahrnehmungs-Schulung. Was nach „Vorbereitung" klingt, ist in Wahrheit die Substanz, aus der die Form später erwächst.
In den klassischen chinesischen Schulen ist Jiben Gong nicht eine Phase, durch die man hindurch muss, um zur „richtigen" Praxis zu kommen. Sie ist die richtige Praxis. Ein Meister hat einmal gesagt: „Erst nach zehn Jahren Jiben Gong darf man fragen, ob die Form jetzt anfangen kann." Das klingt streng. Aber wer den Punkt verstanden hat, weiß: ohne Jiben Gong ist die Form nur eine Choreographie.
Was zur Grundlagen-Arbeit gehört
Die Bagua-Grundlagen-Arbeit umfasst mehrere Ebenen, die ineinandergreifen:
Auf der körperlichen Ebene: Dehnungen, die die Wirbelsäule, Hüften, Schultern und Knöchel öffnen. Stand-Säulen, die die Beine tragend machen (siehe Stand-Säulen). Schritt-Übungen, die das Tasten in den Fuß bringen (siehe Tang Ni Bu). Spiral-Bewegungen, die zeigen, wie eine Drehung von der Wirbelsäule aus in den ganzen Körper läuft.
Auf der energetischen Ebene: erste Atem-Übungen, in denen der Atem sich von selbst in den Bauch senkt. Erste Wahrnehmungs-Übungen, in denen das Qi-Feld um den Körper spürbar wird. Erste Sammlungs-Übungen, in denen die Aufmerksamkeit beim eigenen Körper bleibt, statt nach außen wegzulaufen.
Auf der geistigen Ebene: die Schulung jener stillen Aufmerksamkeit, die später jeden Schritt und jede Geste tragen wird. Diese Aufmerksamkeit lässt sich nicht herstellen — sie entsteht aus der Wiederholung der Grundlagen-Arbeit, fast wie ein Nebenprodukt.
Warum die moderne Welt das überspringen will
In der modernen Welt wird Jiben Gong oft übersprungen. Die Form ist sichtbar, die Form ist spektakulär, die Form lässt sich auf Videos zeigen. Wer Bagua schnell lernen will, will die Form. Die Grundlagen-Arbeit sieht unspektakulär aus — Stehen, Dehnen, Schritte üben — und gibt keine schnellen Erfolge.
Diese Beschleunigung ist nicht harmlos. Wer die Form übt, ohne die Grundlagen-Arbeit zu haben, baut eine Choreographie auf einem instabilen Fundament. Die Bewegungen sehen vielleicht von außen ähnlich aus, aber sie tragen nicht. Es fehlt die innere Struktur. Es fehlt die Wahrnehmung. Es fehlt die Substanz.
Im Tengu Akasha Dojo ist Jiben Gong deshalb nicht „die langweilige Vorphase". Es ist die Praxis selbst — und sie hört nicht auf, wenn die Form beginnt. Auch Bagua-Meister mit Jahrzehnten Praxis üben weiterhin täglich ihre Grundlagen. Wer das versteht, hat den Weg verstanden.
Was über Jahre im Körper geschieht
Die Geduld zahlt sich auf eine Weise aus, die schwer zu beschreiben ist. Im ersten Jahr verändert sich vor allem die Körperhaltung. Im zweiten Jahr beginnt der Atem von selbst tiefer zu gehen. Im dritten Jahr spürt der Übende zum ersten Mal, dass das Qi um seinen Körper herum eine eigene Form hat. Im vierten und fünften Jahr fängt die Wahrnehmung an, sich auch auf andere Menschen, auf Pflanzen, auf den Raum auszudehnen.
Was nach Esoterik klingt, ist die nüchterne Erfahrung jeder Person, die die Grundlagen-Arbeit ernst genug genommen hat. Es ist nicht Magie. Es ist die natürliche Folge davon, dass der Körper über Jahre auf eine bestimmte Weise gebraucht wird — und sich dabei wieder erinnert, was er von Natur aus kann.
Erste Schichten des Qi-Spürens
Das, was im Westen oft als „Qi spüren" bezeichnet wird, ist in der Grundlagen-Arbeit nicht ein Lernziel, sondern eine natürliche Folge. Wer ruhig genug steht, spürt es. Wer aufmerksam genug atmet, spürt es. Wer die Hände auf eine bestimmte Weise vor dem Körper hält, spürt es.
Dieses Spüren ist anfangs subtil. Wärme zwischen den Händen, ein leichter Druck, ein Strom an der Innenseite der Arme. Mit der Zeit wird es deutlicher. Mit den Jahren wird es selbstverständlich. Was im ersten Jahr Aufmerksamkeit braucht, ist im fünften Jahr Begleiter jedes Atemzugs.
Mehr zur energetischen Schicht — Jing, Qi, Shen und die drei Dantian — im Verwandte-Artikel zur Inneren Alchemie.
Wie die Praxis den Tag tragend macht
Der größte Geschenk der Grundlagen-Arbeit zeigt sich nicht im Dojo, sondern im Alltag. Der Übende geht durch den Tag und merkt: das, was er morgens geübt hat, ist nicht verschwunden. Es trägt ihn — durch das Treppensteigen, durch das Sitzen in der Bahn, durch das Gespräch mit der Kollegin, durch den Streit am Abend.
Jiben Gong ist die Praxis, die das Leben durchwirkt. Das Bagua, das man im Wald übt, kommt mit nach Hause. Es kommt mit ins Büro. Es kommt mit in das Wartezimmer beim Arzt. Wer es jahrelang übt, kennt diesen stillen Begleiter — und weiß, dass er den größten Teil seiner Wirksamkeit nicht im Kreis entfaltet, sondern dort, wo das gewöhnliche Leben stattfindet.