Was Bagua in unserem Verständnis ist
Bagua Zhang (八卦掌) heißt wörtlich „Acht-Trigramme-Handfläche". Aber wer in dieser Übersetzung stehen bleibt, kennt nur die Oberfläche.
Im Tengu Akasha Dojo verstehen wir Bagua als das, was es ursprünglich war: eine schamanisch-daoistische Bewegungspraxis, in der der Körper zum Gefäß einer kosmischen Bewegung wird. Der Übende geht im Kreis. Die Hände formen sich nach den acht Grundpalmen. Der Atem fließt mit dem Schritt. Was nach außen wie sanftes Wandeln aussieht, ist innerlich eine vollständige Praxis: körperlich, energetisch, rituell.
Anwendbar wäre das Bagua auch für Selbstverteidigung — viele klassische Bagua-Meister waren in ihrer Zeit gefürchtete Kämpfer. Aber das ist nicht der Sinn. Es geht um Lebensfreude in der Bewegung, um die Verbindung mit der Erde, um die sinnliche Wahrnehmung der eigenen Kraft. Wer Bagua so übt, sucht keinen Gegner. Er sucht sich selbst — und findet dabei mehr als sich selbst.
Wo Bagua wirklich herkommt
Bagua wird gemeinhin als „daoistische" Kunst bezeichnet. Das ist richtig — aber es greift zu kurz. Hinter dem Daoismus, wie er heute als philosophisches System bekannt ist, liegt eine ältere Schicht: die Wu (巫), die Geist-Mittler des alten China. Im Westen würde man sie Schamanen nennen — Personen, die Verbindung zur Geisterwelt herstellten, Wetter beeinflussten, mit den Spirits der Natur verhandelten.
Aus dieser schamanischen Schicht erwuchs der frühe Daoismus, und aus dem frühen Daoismus die inneren Kampfkünste. Wer Bagua heute mit Ernst praktiziert, berührt nicht philosophischen Daoismus. Er berührt schamanischen Daoismus — die direkte Linie zur Wu-Tradition. Diese Schicht ist im Westen kaum bekannt, weil sie sich schwerer in Textbücher pressen lässt als das Daodejing.
Bagua wurde im 19. Jahrhundert durch Dong Haichuan (1797–1882) öffentlich gemacht. Er selbst sagte, er habe die Praxis im Berg von daoistischen Eremiten gelernt — ohne genaue Namen zu nennen. Was er weitergab, war ein vollständig entwickeltes System, das niemand vor ihm in dieser Form gezeigt hatte. Im Tengu Akasha Dojo lesen wir diesen Hinweis ernst: das, was Bagua trägt, hat seine Wurzeln in den Bergen — nicht in den Klassenzimmern der Höfe.
Das Kreisgehen — Bewegung als Ritual
Jede Bagua-Praxis beginnt mit dem Kreisgehen. Der Übende umrundet einen unsichtbaren Mittelpunkt, den Körper in einer leichten Drehung gehalten. Das sieht nach Aufwärmen aus. Es ist kein Aufwärmen.
Das Kreisgehen ist gleichzeitig drei Dinge: körperliche Arbeit (es löst die Hüfte, baut die Beine, schult das Gleichgewicht), Meditation (in der Wiederholung verschwindet der diskursive Verstand) und — die Schicht, die im Westen oft übersehen wird — ein Ritual. Das Kreisgehen ist eine Einladung an die Spirits, in die Bewegung einzutreten. In manchen alten Linien wird vor dem Beginn ausdrücklich eine Anrufung gesprochen.
Wer das Kreisgehen ohne diese rituelle Schicht übt, übt eine sehr gute Körperarbeit. Wer es mit dieser Schicht übt, betritt eine andere Dimension der Praxis — eine, in der die Bewegung beseelt wird und die Spirits selbst zu Meistern werden. Mehr dazu im Spoke Das Kreisgehen — Bagua als Ritual.
Acht Trigramme — das I Ging in Bewegung
„Bagua Zhang" heißt wörtlich: „Acht-Trigramme-Handfläche". Die acht Trigramme sind die Grundzeichen des I Ging, des chinesischen Buchs der Wandlungen. Jedes Trigramm steht für eine Grundkraft: Himmel, Erde, Donner, Wasser, Berg, Wind, Feuer, See. Aus den Kombinationen der acht Trigramme entstehen die 64 Hexagramme — die symbolische Karte aller möglichen Situationen.
Bagua Zhang macht aus diesem System eine körperliche Praxis. Jede der acht Grundpalmen entspricht einem Trigramm. Wer eine Bewegung ausführt, übt nicht eine Technik, sondern eine kosmische Qualität. Die Bewegung wird dadurch zu etwas anderem als bloße Form: Sie wird zur Ausdrucksgestalt jener Kräfte, die nach altchinesischer Auffassung die ganze Wirklichkeit durchziehen.
Diese Tiefe ist im Westen kaum vermittelt worden. Bagua wirkt von außen wie eine besondere Form des Qigong oder eine Variante des Taichi. Was aber unter der Oberfläche stattfindet, ist eine Verkörperung des I Ging — eine Praxis, in der die acht Wandlungs-Kräfte durch den Körper hindurch in die Welt treten. Mehr im Spoke Acht Trigramme als Körperpraxis.
Marks Linie im Bagua
Mark Hosak hat seine Bagua-Praxis in der Übertragung von She Yinge und Tom Bisio vertieft. Beides erfahrene Meister mit jahrzehntelanger Übertragung aus klassisch-chinesischen Wurzeln. She Yinge bringt die unmittelbare Linie aus der chinesischen Tradition mit. Tom Bisio hat über lange Jahre in China studiert und das innere Bagua mit einer Klarheit in den Westen gebracht, die unter modernen Meistern selten ist.
Was bei diesen Meistern empfangen wird, ist nicht eine Form, die man dann hat. Es ist eine Bewegungssprache, in der jede Geste ein Echo der Acht Trigramme ist und jeder Schritt eine Frage an die Erde. Diese Sprache fließt nun durch das Tengu Akasha Dojo weiter.
Im Tengu-System steht Bagua nicht für sich allein. Es bildet zusammen mit Taichi die innere Achse — die Stille im sich Drehenden, das Drehen in der Stille. Wer Ninjutsu praktiziert und Bagua hinzunimmt, erfährt etwas Neues an seiner eigenen Praxis: die Bewegung wird durchlässiger, die Wahrnehmung wird weicher, die Kraft kommt aus einer anderen Tiefe.
Innere Alchemie — die Wandlung im Körper
Die tiefste Schicht der inneren Kampfkünste ist das, was die Daoisten Nei Dan (内丹) nennen — innere Alchemie. Der Körper ist ein Gefäß, in dem drei Substanzen verwandelt werden: Jing (Lebenskraft, körperliche Substanz), Qi (Energie) und Shen (Geist). Die Praxis der inneren Alchemie ist die schrittweise Verwandlung von Jing in Qi, von Qi in Shen, von Shen in Leere.
Bagua ist ein Werkzeug dieser Verwandlung. Wer die Form über Jahre praktiziert, erlebt nicht nur körperliche Veränderung — er erlebt eine Verschiebung in der Wahrnehmung. Was zu Beginn eine Übung mit den Armen war, wird zu einer Übung mit dem Atem, dann zu einer Übung mit der Aufmerksamkeit, dann zu etwas, das sich nicht mehr beschreiben lässt.
Diese Tiefe macht die inneren Kampfkünste so anfällig für Trivialisierung. An der Oberfläche sehen sie aus wie sanfte Gymnastik. In der Tiefe sind sie der Weg, auf dem klassische daoistische Adepten die Unsterblichkeit suchten — nicht im körperlichen, sondern im geistigen Sinne. Mehr im Spoke Bagua und Innere Alchemie.
Für wen dieser Weg gedacht ist
Bagua ist für Menschen, die sich nach einer Bewegungspraxis sehnen, die mehr ist als Fitness. Die die innere Spannung des modernen Lebens nicht durch Ablenkung lösen wollen, sondern durch eine Verbindung mit etwas Älterem als sich selbst.
Für Menschen, die das I Ging als Buch kennen und neugierig sind, wie es als Körper wäre. Für Menschen, die die Berge spüren, ohne in den Bergen zu leben. Für Menschen, die in einer Welt voller Worte einen Weg suchen, in dem das Schweigen wieder sprechen darf.
Wer Bagua ernst übt, kommt nicht müde von der Praxis nach Hause. Er kommt erwacht. Die Erde unter den Füßen wird vertrauter, die Luft auf der Haut feiner, der eigene Körper weicher und stärker zugleich. Das ist die Sinnlichkeit dieser Kunst — eine Sinnlichkeit, die nicht zerstreut, sondern sammelt.